Midria 2010
     
In der Nische angekommen
Meine etwas andere Arbeit in einer ökologischen Gemeinschaft


„Bleibt alles anders“ - dieser Titel eines Grönemeyer-Songs trifft auf mein Leben zu. - Schon immer. Nun auch auf mein berufliches. Recht zufällig stolperte ich vor zwei Jahren in meine heutige Nische hinein.
Trotz meiner Bipolarität hatte ich mein Bachelor-Studium der Kulturwissenschaften und einen Freiwilligendienst im Ausland erfolgreich absolviert. Ins Straucheln kam ich jedoch bei der anschließenden Jobsuche in Berlin und dem Praktikum in einer Online-Redaktion. Dort begriff ich sehr schnell, dass ein Acht-Stunden Tag im Großraumbüro mit fremdbestimmter Arbeitsweise und Anfahrtswegen zur Rushhour mich krank macht und unbefriedigt lässt. Auf der Suche nach Alternativen fasste ich schließlich eine freiberufliche Tätigkeit ins Auge. Doch dann geriet ich inmitten dieser Zeit der großen beruflichen – und privaten - Umbrüche mal wieder mitten in eine Manie und nachfolgende Depression hinein. Nach meiner langen Krankheit kam eine Freiberuflichkeit nicht mehr in Frage. Einerseits hatten sich durch den langen Klinikaufenthalt die angedachten kleinen Jobs und Ausbildungen erledigt, andererseits erkannte ich sie als nicht tragend. „Ein bisschen hier, ein bisschen dort“ – das hätte mich überfordert und keine ausreichende Basis für einen Lebensunterhalt ergeben. So landete ich schließlich bei „Midria“.
Der gemeinnützige Strausberger Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, junge Leute mit Beeinträchtigungen in eine sinnvolle, ihren Fähigkeiten und Interessen entsprechende Tätigkeit zu vermitteln. Oft sind das Jugendliche, die aus schwierigen Elternhäusern kommen, Lernbehinderungen, psychische Probleme oder aus einem anderen Grund keine Chance auf dem 1. Arbeitsmarkt haben. Zu diesem Zweck arbeitet Midria mit den Stephanus-Werkstätten zusammen, denn die neu geschaffenen Stellen sind so genannte ausgelagerte Arbeitsplätze. Man arbeitet dort zu den geschützten Bedingungen einer Werkstatt für behinderte Menschen, aber eben „draußen“ (bzw. drinnen – mittendrin!) – in einem „ganz normalen“ Betrieb, ob Kindergarten, Bauernhof, Bioladen oder wie in meinem Fall in der „ÖkoLeA“ – einer „ökologischen Lebens- und Arbeitsgemeinschaft“ mit Seminarhaus und Selbstversorgergarten.
Diese Nische ist für mich ein Glücksfall. Die Kommune im kleinen Ort Klosterdorf bei Strausberg mit ca. 20 Bewohnern besteht seit 1993 und hat nach und nach eine alten Bauernhof in Gemeinschafts-, Seminar- und Gästeräume verwandelt.
Die Kooperation mit Midria dauert nun auch schon mehrere Jahre: Inzwischen sind wir fünf Leute aus dem Werkstattprogramm, die an vier Tagen pro Woche mit drei verschiedenen Anleitern zusammenarbeiten: Herausfordernd, aber auch bereichernd ! Am fünften Tag organisiert Midria einen „Theorietag“, an dem wir in Gruppen von bis zu acht Leuten die Möglichkeit haben, mit Beschäftigten anderer Arbeitsstellen die vergangene Woche auszuwerten, an individuellen Schwächen zu arbeiten, gemeinsam zu kochen, Sport und ab und zu einen Bildungsausflug zu machen.
Im Gegensatz zum Berliner Stadtverkehr hat schon der Arbeitsweg zur ÖkoLeA seinen Reiz. Nach einer nur zehnmütigen S-Bahnfahrt geht’s auf dem Fahrrad ganz idyllisch über die Felder ins Dorf. Danach versammelt sich unsere Truppe zum gemeinsamen Frühstück, an dessen Ende die Planung des Arbeitstages steht. Unsere Aufgaben sind extrem vielfältig, wobei die Herrichtung der Seminar- und Gästeräume für Gruppen und die Arbeit rund um den großen ökologischen Permakulturgarten einen Schwerpunkt bilden. 
So gärtnern wir mit dem Jahreslauf und pflegen jeder unser eigenes kleines Beet. Dazu gehört unter anderem das wöchentliche Wildkräuterpflücken und das Ernten von Beeren, Pflaumen und Äpfeln, die zum Teil sortiert, gepult oder weiterverarbeitet werden. Gartenkräuter von Salbei bis Oregano wandern wiederum, aufwendig von ihren Stengeln getrennt, ins berühmte ÖkoleA-Kräutersalz. Und auch Heilkräutermittel wie Ringelblumenöl oder Beinwellsalbe entstehen.
Manche dieser Tätigkeiten erledigen wir alle gemeinsam, oft aber ziehen wir nur zu dritt, zu zweit oder auch mal alleine los. Dabei kann jeder seine Vorlieben äußern, muss aber auch mal Ungeliebtes tun. Mit der Zeit haben sich außerdem eigene Arbeitsbereiche etabliert: Eine Kollegin ist durchgehend für die Wäsche des Seminarhauses zuständig, ein Mitstreiter für anfallende Malerarbeiten, ein anderer spaltet mit Leidenschaft Holz für die Ofenbefeuerung der Bio-Bäckerei am Hof. Ich darf nun jeden Dienstag eine Büroeinheit einlegen, in der ich Anrufe entgegennehme, Verträge aufsetze und sogar die Website der ÖkoLeA betreue.
Die meiste Zeit bin ich – als Geisteswissenschaftlerin - aber mit praktischer, körperlicher Arbeit beschäftigt. Ich harke Laub und wühle in der Erde – etwas, was mir mal ein Arzt zum Ausgleich riet, als er mich „hochfliegend“ in einer manischen Phase erlebte. Tatsächlich habe ich mit meinen vielen kreativen Ideen oft den Kopf in den Sternen und bekomme durch die praktisch ausgerichtete und naturverbundene Arbeit Boden unter den Füßen.
Manchmal empfinde ich es als dröge, Dinge von A nach B zu tragen, den Veranstaltungssaal zu fegen oder freitags die Küche für die ankommenden Wochenendgruppen sauber zu machen.  Aber ich weiß wofür - und tue es in einem so heilsamen Rhythmus und Rahmen: Mehr Abwechslung und weniger Druck als in der ÖkoLeA sind an einem Arbeitsplatz kaum möglich. Selten müssen wir hier hetzen, Fragen sind willkommen, Austausch und gegenseitige Unterstützung an der Tagesordnung. Neben dem Frühstück gibt es auch eine gemeinsame Kaffeepause und ein Mittagessen, das wir uns - in wechselnder Besetzung während der Arbeitszeit (!) - selbst vor Ort zubereiten: Immer vegetarisch und bio, meist mit frischen Zutaten aus dem Garten. Zum Tagesabschluss gegen 15 Uhr kickern wir alle gemeinsam eine Runde. Diese angenehmen Arbeitszeiten lassen mir genügend Raum für Hausarbeit, Erholung, Kreativität und Kontakte. Als Hochsensible brauche ich mehr Zeit für mich als andere Menschen und komme, wie schon das kurze Praktikum mir damals zeigte, mit übervollen, stressigen Tagen nicht zurecht. Acht Stunden täglich vor dem Bildschirm überforderten meine Nerven – jetzt ist mein Kopf frei für die Dinge, die mir in meinem Leben auch noch wichtig sind. Oft kann ich sie, wie z.B. mein Interesse für leckere Kochrezepte sogar in die ÖkoLeA hineintragen.
Auch die Arbeitsweise in meiner Nische empfinde ich als sehr erfüllend: Es ist etwas Besonderes, den Entstehungsprozess eines Apfelmuses oder einer Marmelade von Anfang bis Ende mitzuerleben statt sie im Supermarkt zu kaufen: Rezept recherchieren, Gläser suchen, spülen und im Ofen sterilisieren, das Obst pflücken und schnippeln, kochen und würzen, die fertige Masse abfüllen, am Ende noch am PC die Etiketten entwerfen – und schließlich die fertige Köstlichkeit bei einem gemeinsamen Frühstück zu kosten und wertzuschätzen. Das ist unglaublich sinnstiftend und rückverbindend – mit Mutter Erde, von der die Äpfel stammen und mit dem Arbeitsprozess an sich, in dem man nicht nur ein unbedeutendes Rädchen eines unüberschaubaren Ganzen ist, sondern aktiv etwas beitragen und den Wert dieses Beitrages erfahren kann.
Und es ist toll, diesen Arbeitsprozess gemeinsam mit anderen Menschen zu gestalten und voneinander zu lernen. Viele Hände, die ineinander greifen, Fähigkeiten und Interessen, die sich ergänzen, Chefs, die wie Kollegen mit viel Humor und Lockerheit agieren. Sie alle sind für mich wie Lehrer und „Spiegel“, die mir in meiner persönlichen Entwicklung weiterhelfen. Immer wieder ergeben sich in der ÖkoLeA Lernfelder, die ich so niemals vermutet hätte: Als ich 2012 aus lauter Liebe zu seiner wilden Schönheit, den Garten im Wandel der Jahreszeiten zu fotografieren begann, wurde auf Initiative eines Anleiters prompt eine Fotoausstellung daraus – auch das ein Gemeinschaftsprojekt, welches, passend zu seinem Namen „Im Kreis des Jahres“ inzwischen seine Kreise zog.
Nicht alle Midria-Mitarbeiter genießen in ihren Arbeitsstellen eine solch schöne Atmosphäre und Bandbreite an Entfaltungsmöglichkeiten. Deshalb kann man von der ÖkoLeA sogar als Nische in der Nische sprechen.
Wo ist bei soviel Positivem nun der Haken? Zugegeben, manchmal passe ich als „studierter Bock“ mit viel Tiefgang nicht so ganz zu den einfacher gestrickten Leuten bei Midria. Aber anders als beim Theorietag sind die Unterschiede in der ÖkoLeA weniger krass – zudem versuche ich sie als Aufforderung zur Toleranz zu sehen. Oft halte ich mich auch einfach an meinen gleichgesinnten Kollegen, der einen ähnlichen Background hat oder an die Anleiter, die dankbar für jede weitere Unterstützung sind.
Finanziell kann ich auch keine großen Sprünge machen. Unser „Lohn“ setzt sich recht bescheiden aus Grundsicherung + Fahrkartengeld + Verpflegung + einem Taschengeld vom Arbeitsamt in den ersten 2 Jahren (65 bzw. 75 €) bzw. einem Arbeitsentgeld danach von ca. 130 € zusammen. Doch ich identifiziere mich nicht mit diesem äußeren Status und begreife mich - durch die Anbindung an die ÖkoLeA innerlich so reich - nicht als arm. Durch das gute Frühstück und Mittagessen auf Arbeit (und etwas Ertrag und Naschobst aus dem Garten) habe ich unter der Woche kaum Ausgaben für Lebensmittel. Und zugunsten guter Arbeitsbedingungen und mehr Freizeit verzichte ich gern auf etwas Geld.
Schade ist, dass wertvolle Arbeit wie wir sie täglich leisten zu Bedingungen, wie man sie sich für alle Arbeitnehmer wünscht, nur in einem Rahmen von „Behinderung“ und einer entsprechenden Werkstatttätigkeit möglich und finanzierbar ist. Eigentlich sehe ich mich nicht als „behindert“, nicht einmal als „krank“ an, sondern als hochsensibel mit besonderen Bedürfnissen (aber auch Talenten). Da dies für dieses System jedoch nicht fassbar ist, akzeptiere ich das andere Label, gewährt es mir doch Zugang zu meiner gegenwärtigen Nische.
Aber selbst da habe ich wohl einfach Glück gehabt, denn die meisten Werkstätten bieten nach wie vor nur wenige ausgelagerte Arbeitsplätze an, weil sie deren Betreuungsaufwand scheuen. Ein Verein wie Midria, der sich genau dieser Aufgabe annimmt (und darüber hinaus ein ganzes Netzwerk für seine Betreuten schafft) hat meines Wissens nach Pioniercharakter.

Geschrieben von Katja Marzahn.
     
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